Rodgau Ultra
Laufberichte

Rodgau Ultra 2022 – Die Hitzeschlacht

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Im Oktober 2020 hatte ich mich für meinen ersten 50 Kilometer-Lauf angemeldet, den Rodgau Ultra. Es dauerte über 1,5 Jahre bis ich an der Startlinie stand. Bei einer Temperatur von über 30 Grad wurde aus dem Lauf eine regelrechte Hitzeschlacht. Wie ich diese überstand, könnt ihr in diesem Laufbericht nachlesen.

Vor dem Lauf

2 Absagen und 1 Verlegung

Der Rodgau-Ultra ist ein bundesweit bekannter Ultralauf-Wettbewerb, der normalerweise jedes Jahr Ende Januar ausgerichtet wird. Im Oktober 2020 hatten Kai und ich uns für den 2021er Lauf angemeldet. Kai war schon öfters am Start, aber für mich sollte das mein erster Ultralauf über 50 Kilometer werden. Ende Dezember 2020 wurde der Rodgau Ultra abgesagt. Die Regierung hatte wegen der Corona-Krise Wettkämpfe im Breitensport bis zum 31. Januar verboten. Dem Veranstalter blieb nichts anderes übrig, als den Ultralauf abzusagen.

1 Jahr danach. Ende Januar 2022 sollte der Rodgau Ultra wieder stattfinden. 3 Wochen vorher kam die erneute Absage. Die 7-Tage-Inzidenz lag bei über 500. Deshalb durften sich in Hessen maximal 250 Personen im Freien treffen. Angemeldet waren aber über 700 Ultraläufer. Einige Tage danach kam die Info, der Rodgau Ultra wird nicht endgültig abgesagt, sondern auf den 18. Juni verlegt. Damit wurde die 22. Auflage zum ersten Mal im Sommer anstatt im Winter durchgeführt.

1 Woche vor dem Start kam eine E-Mail des Veranstalters. Der Wetterbericht hatte für den Samstag hohe Temperaturen angekündigt. Deshalb wurde der Start um eine 1 Stunde vorgezogen und eine zusätzliche Wasserstelle eingerichtet.

Vor dem Start

Kai und ich haben beide ein 9-Euro-Ticket. Deshalb wollten wir mit der Bahn nach Rodgau fahren. Die Wahl der Verbindung war nicht so einfach, aber Kai hatte den richtigen Riecher. Unser Zug fuhr um 5:15 Uhr in Mannheim los und kurz vor 8 Uhr kamen wir in Rodgau-Dudenhofen an. Jetzt fuhren wir noch 2 Kilometer auf den mitgebrachten Fahrrädern und 10 Minuten später waren wir in der Waldfreizeitanlage Gänsbrüh eingetroffen. Dort war der Start des 22. Rodgau Ultra.

Vor Marathon-Wettkämpfen herrscht meistens Partystimmung, hier in Rodgau ging es eher ruhig zu. Ich sah viele Läufer mit Shirts, die von vergangenen Großtaten kündeten. Kai trug sein mintgrünes T-Shirt vom südafrikanischen Two Oceans Marathon, auf meinem grauen Shirt prangte der Aufdruck vom Bienwald-Marathon. Die meisten Ultraläufer hier waren schon längere Strecken gelaufen. Für sie war der Rodgau Ultra eher ein Bambini, also ein Kurzstrecken-Ultra.

Als ich mich im Oktober 2020 angemeldet hatte, wollte ich die 50 Kilometer in 5 Stunden laufen und hatte auch mehrere Wochen dafür trainiert. Ende 2021 sah es ähnlich aus. Jetzt meldete die Wettervorhersage für Samstagmittag 36° C und ich hatte seit dem Mannheim Dämmermarathon nur einen langen Lauf mit 30 Kilometern absolviert. Gute Voraussetzungen waren das nicht, aber ich hatte mir trotzdem vorgenommen so lange wie möglich mit einer Pace von 6:00 Minuten/Kilometer zu laufen. Dies würde für ein Finish in 5 Stunden reichen.

Die Strecke beim Rodgau-Ultra

Start Rodgau Ultra
Der Startbereich des Rodgau Ultras.

Die Strecke des Rodgau-Ultras war 5 Kilometer lang und für ein Finish mussten 10 Runden absolviert werden. Der Untergrund bestand teilweise aus Asphalt und teilweise aus Schotter. Viel interessanter an dem Tag war aber, welcher Streckenabschnitt im Schatten lag und welcher in der Sonne.

Der Start war mitten im Wald und die ersten 800 Meter waren größtenteils schattig. Dann kam der VP (Verpflegungspunkt), der über ein großes Angebot an Getränken (Wasser, Cola, Limo, Apfelschorle) und Snacks (Fruchtriegel, Salzstangen, Müsliriegel, Cracker, Energie-Gels, Vitamin-Bonbons, Bananen) verfügte. Direkt danach ging es auf einem asphaltierten Feldweg weiter, der in der prallen Sonne lag. Nach einem weiteren Kilometer führte die Strecke durch einen Wald. Bei Kilometer 2,5 gab es eine kleine Wendestrecke, die ca. 150 Meter lang war. Auf dieser konnte ich gut die Läufer beobachten, die vor bzw. hinter mir liefen.

Kurz vor Kilometer 3 kam die zusätzlich eingeplante Wasserstelle. Dort gab es nur Mineralwasser, was aber vollkommen ausreichte. Direkt danach kam nochmals ein Stück Weg, der in der prallen Sonne lag. Der letzte Kilometer war dann wieder im Wald und führte bis ins Ziel. Grob gesagt lagen in jeder Runde 3 Kilometer im Schatten und 2 Kilometer in der Sonne.

Das Rennen

Vor dem Rodgau Ultra
Vor dem Start beim Rodgau Ultra waren Kai und ich guter Dinge.

Die ersten 5 Runden

Beim Start herrschte noch eine halbwegs angenehme Temperatur von 25° C. Punkt 9 ertönte das Signal und das Rennen ging los. Ich hatte mich am Anfang des letzten Drittels einsortiert und mir fest vorgenommen nicht zu schnell loszulaufen. Das klappte auch recht gut, für die erste Runde brauchte ich eine knappe halbe Stunde. Ich lag also genau im Zeitplan.

Schüttwasser, Schüttwasser

Ruf einer Helferin beim Rodgau Ultra.

In der zweiten Runde machte ich zum ersten Mal an dem VP halt. Ich trank einen Becher Apfelschorle und nahm 2 Stück Fruchtriegel. Direkt dahinter stand eine Helferin, die ständig „Schüttwasser, Schüttwasser“ rief. Sie hatte eine 1 Liter-Kanne mit Wasser in der Hand und übergoss jeden Läufer, der damit einverstanden war. Ich ließ mich nicht zweimal bitten, hielt den Kopf unter die Kanne und wurde mitsamt meiner Schirmmütze komplett durchnässt. Schließlich kam jetzt wieder der Kilometer, der in der prallen Sonne lag.

Ich lief in meinem geplanten Tempo wieder. Nach einiger Zeit fiel mir eine Frau auf, die ungefähr gleich schnell lief. Ich sprach sie an. Sie hieß Mona und kam aus Karlsruhe. Sie wollte den Rodgau Ultra auch in 5 Stunden schaffen. Die nächsten Kilometer liefen wir gemeinsam und unterhielten uns angeregt. An der Wasserstelle war die Schirmmütze, die beim VP komplett durchnässt war, schon fast wieder trocken. Ich tauchte sie in ein Wasserbecken und setzte sie mir wieder auf den Kopf. Gemeinsam mit Mona beendete ich die zweite Runde. Ich hatte etwas mehr als eine halbe Stunde gebraucht. Das passte doch gut.

In der dritten Runde trank ich am VP wieder etwas Apfelschorle, nahm 2 Stück Fruchtriegel und hielt meinen Kopf nochmals unter die Wasserkanne. Nach einigen Kilometern merkte ich, dass Mona etwas schneller als ich war und ließ sie deshalb ziehen. Nach knapp 31 Minuten hatte ich auch diese Runde geschafft. Das war etwas mehr als eingeplant, aber noch im Rahmen.

Auch in der 4. Runde gab es am VP das gleiche Procedere: Apfelschorle, Fruchtriegel, Wasserkanne. Mona lief etwa 50 Meter vor mir. Am Ende der Runde merkte ich, dass sich der Abstand verkürzte. Lief ich etwa zu schnell? Nein, Mona wurde langsamer. Sie erzählte mir, dass sie Seitenstechen hatte, es ihr jetzt aber wieder besser ginge. Gemeinsam beendeten wir die 4. Runde, für die ich wieder 31 Minuten gebraucht hatte.

In der 5. Runde – nach dem gewohnten Ablauf am VP – merkte ich nach 3 Kilometern, dass Mona zu schnell für mich war. Ich ließ sie wieder ziehen. Inzwischen waren schon mehr als 2 Stunden vergangen, die Temperatur hatte längst die 30 Grad-Marke überschritten. Ich lief noch einige Zeit im normalen Tempo weiter, dann musste ich zum ersten Mal eine Gehpause einlegen. Es war nur ein kurzes Stück, aber es war klar, dass die angepeilten 5 Stunden nicht mehr im Bereich des Möglichen waren. Für die 5. Runde brauchte ich knapp 35 Minuten. Die erste Hälfte des Rennens hatte ich in 2 Stunden, 37 Minuten bewältigt.

Die zweiten 5 Runden

Es war jetzt kurz vor Mittag, die Sonne knallte immer heftiger herunter und ich merkte, dass meine Kraft langsam nachließ. Ich musste jetzt zu härteren Getränken greifen. Am VP trank ich zum ersten Mal Cola und nahm auch das erste Energie-Gel mit. Ich lief langsam weiter. Trotzdem wurden die Gehpausen jetzt immer länger und die Laufanteile dementsprechend kürzer. Als ich am Wendepunkt umdrehte, sah ich, dass Kai ungefähr 100 Meter mir lief. Dass er mich im Laufe des Rennens überrunden würde, war mir klar. Ich hatte aber gehofft, dass es frühestens in der 7. Runde passieren würde.

Ich lief wieder etwas mehr um das Unvermeidliche so lange wie möglich herauszuzögern. Kurz vor der Wasserstelle nahm ich das Gel zu mir. Danach machte ich meine Mütze nass und trank 2 Becher Wasser. Jetzt musste er doch gleich an mir vorbeilaufen. Ich wurde zwar mehrfach überholt, aber nicht von Kai. Ich warf einen vorsichtigen Blick zurück. Er war nicht mehr zu sehen. Was war denn mit ihm los? Normalerweise hätte er mich schon längst überholen müssen. Nach 44 Minuten beendete ich meine 6. Runde und Kai war immer noch hinter mir.

Diesen Ultra laufe ich im Sommer nicht mehr.

Kai

In der 7. Runde holte Kai mich kurz vor dem VP ein. Ich fragte ihn, ob er Probleme hätte. Er meinte, es ginge ihm nicht so toll. An dem VP verweilte er deutlich länger als ich. Ich war wieder vor ihm und lief langsam weiter. 500 Meter danach hatte er mich immer noch nicht überholt. Ich legte wieder eine Gehpause ein und drehte mich nach Kai um. Auch er ging, in einem etwas schnelleren Tempo als ich. Als er mich einholte, meinte er, dass er diesen Ultra nicht mehr im Sommer laufen würde. Der ansonsten immer gut gelaunte Kai war schlecht drauf.

Wir gingen in der prallen Sonne nebeneinander her und unterhielten uns. Kurz bevor wir zum Wald kamen, ging Kai schneller und war bald verschwunden. Ich sah ihn danach erst im Ziel wieder. Für die 7. Runde brauchte ich 46 Minuten.

In der 8. Runde lief ich kaum noch und wenn dann höchstens einige Schritte. Die Sonne brannte unerbittlich herunter. Die angekündigten 36° Celsius waren bestimmt schon erreicht. Zum Glück hatte ich mich vor dem Start gründlich mit Sonnencreme mit dem LSF 50 eingerieben, so dass ich immerhin keinen Sonnenbrand bekam. Am VP trank ich 2 Becher Cola und 2 Becher Apfelschorle, an der Wasserstelle 3 Becher Wasser. Trotzdem klebte mir zwischendurch die Zunge am Gaumen. Ich wünschte mir eine dritte Trinkgelegenheit. Unglaublich, auf einer Strecke von 5 Kilometern reichten 2 Trinkstellen nicht aus. Das hatte ich noch nie erlebt.

Ich dachte an die Läufer des Marathon des Sables. Ungefähr so wie mir jetzt müsste es den Läufern in der marokkanischen Sahara gehen. Wobei es dort keinen Schatten gab. Mit diesen – etwas trostlosen – Gedanken im Kopf beendete ich meine 8. Runde. Ich hatte über 48 Minuten gebraucht. Das war Fußgänger-Tempo.

Jetzt waren es nur noch 10 Kilometer. Ich versuchte eine längere Strecke zu laufen und merkte, dass es plötzlich wieder besser klappte. Ich schaffte wieder einen Kilometer am Stück ohne Gehpause. Der markierte Marathon-Punkt war in Sicht. Bis dahin wollte ich zumindest noch etwas laufen. Nach 5:18 Stunden lief ich am Marathon-Punkt vorbei und verfiel danach wieder ins Gehen. Als ich am Wendepunkt vorbei war, sah ich Mona hinter mir. Sie holte mich kurz danach ein und überrundete mich.

Am Ende der Runde überholte mich ein älterer Läufer von hinten und sprach mich mit Fabrice an. Ich sagte ihm, dass ich nicht so heißen würde. Er meinte, dass ich einen Doppelgänger namens Fabrice haben müsste, der in Frankreich wohnen würde. Komische Sache. Ich beendete die 9. Runde nach 46 Minuten. Immerhin etwas schneller als die 8. Runde.

Auf ging es in die letzte Runde. Ich spürte, dass ich durch die langen Gehpausen wieder etwas zu Kräften gekommen war und nahm mir vor, die letzten 5 Kilometer so viel wie möglich zu laufen. Am Verpflegungsstand wurde schon zusammengepackt. Apfelschorle gab es keine mehr, aber es war noch genügend Cola da. Ich verabschiedete mich von den Helfern. Auch sie litten unter der Hitze, hatten aber einen guten Job gemacht und für jeden Läufer ein gutes Wort übrig gehabt.

Ich lief zum letzten Mal über das Stück Feldweg, das in der prallen Sonne lag und überholte einen älteren Läufer. Er fragte mich, ob noch Läufer hinter mir wären. Ich sagte ihm, dass ich noch welche gesehen hätte. Ich lief weiter und musste kaum noch Gehpausen einlegen. Zum letzten Mal ging es in den Wald hinein und die Wendestrecke rauf und runter. Kurz hinter dem Wasserstand überholte ich wieder einige Läufer. Auf einmal machte das Laufen wieder Spaß. Nur noch 1 Kilometer bis zum Ziel. Ich lief weiter und beendete die letzte Runde in 38 Minuten. Nach 6:21:29 Stunden hatte ich die 50 Kilometer hinter mir und damit den Rodgau Ultra gefinisht.

Nach dem Finish beim Rodgau Ultra
Nach dem Finish beim Rodgau Ultra

Nach dem Rennen

Direkt hinter der Ziellinie sah ich Kai an einem Verkaufsstand mit Schuhen stehen. Er war bereits nach 5:05 Stunden im Ziel gewesen und hatte sich die Wartezeit bis zu meiner Zielankunft mit dem Testen von Laufschuhen vertrieben. Eine Helferin hängte mir meine Medaille um den Hals. Ich hatte den Rodgau Ultra gefinisht und somit meinen ersten 50 Kilometer-Lauf bewältigt. Zugegeben, die Zeit war nicht so toll, aber bei einer solchen Hitze ging es nur um das Ankommen und das hatte ich geschafft.

In der Hütte, in der ich meinen Rucksack gelagert hatte, traf ich Mona weiter. Sie war die 50 Kilometer weitgehend durchgelaufen und nach 5:32 Stunden im Ziel gewesen. Sie war also knapp 50 Minuten schneller als ich gewesen. Eine starke Leistung.

Ein paar Stunden danach konnte ich meine eigene Leistung auch wieder besser einordnen. Es waren über 500 Läufer für den Rodgau Ultra angemeldet gewesen. Davon waren nur 196 Läufer am Start. Von diesen schafften nur 113 die komplette Distanz. Aus diesem Blickwinkel betrachtet war der 98. Platz, den ich am Ende belegte, doch mehr als respektabel.

Getragener Laufschuh: Asics Gel-DS Trainer 24*

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Erik betreibt dieses Laufblog und ist ein begeisterter Läufer. Er trainiert viermal die Woche, startet bei Lauf-Wettkämpfen und bei Parkruns. Wenn du ihn triffst und er läuft gerade nicht, dann handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Verwechslung ;-)

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