Corina Knipper sitzt an einem Tisch und faltet die Hände zusammen. Sie trägt eine Brille, ein grünes Shirt und eine Laufuhr.
Interview

Ultraläuferin Corina Knipper: „Ich entscheide von Runde zu Runde, ob ich weiterlaufe“

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Corina Knipper ist laufbegeistert. Sie läuft vom Parkrun bis zum Backyard Ultra bei vielen unterschiedlichen Veranstaltungen mit. In meinem Interview mit ihr erzählt sie von ihren Erfolgen beim DBU und wie sie dafür trainiert hat.

Was ist der DBU?

DBU ist die Abkürzung für Davids Backyard Ultra. Es handelt sich um eine von David Sweeney und seinem Team organisierte Laufveranstaltung im Mannheimer Waldpark. Der Wettbewerb startet morgens um 7 Uhr mit einer 6,8 Kilometer langen Laufrunde. Danach können die Läufer bis um 8 Uhr pausieren. Im Anschluss laufen sie eine weitere Runde und haben wieder eine Pause bis zur nächsten vollen Stunde. Dies geht so lange weiter, bis nur noch ein Läufer oder eine Läuferin übrig ist. Der Sieger erhält einen Wanderpokal und darf den Titel Waldparkkönig bzw. Waldparkkönigin tragen.


Corina Knipper ist 47 Jahre alt. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin. Corina läuft seit Ende 2013 und hat bisher 209 Parkruns absolviert.

Wie hast du dich auf den DBU vorbereitet?

Eigentlich nicht speziell. Ich habe meinen Laufrhythmus und versuche eine gute Ausdauer bzw. Fitness zu haben. Ich mache jede Woche einen langen Lauf, der mir ermöglicht, längere Distanzen durchzuhalten. Diese Ausdauer hat mir beim DBU geholfen. Die langen Läufe laufe ich ohne extra Energiezufuhr, also nur mit Wasser und Salztabletten. Dadurch ist mein Fettstoffwechsel gut entwickelt. Wenn ich während eines Wettbewerbs Energie zuführe, hat das einen guten Effekt. Ich kann dadurch länger laufen.

Meine langen Läufe liegen zwischen 30 und 36 Kilometer. In der Woche laufe ich zwischen 60 und 80 Kilometer. In der Vorbereitung auf den DBU nutze ich auch spezifische Trainingseinheiten. Ich laufe über einen Tag verteilt alle drei Stunden 10 Kilometer. Morgens um 7 Uhr ist der erste Lauf, um 10 Uhr der zweite usw. Die letzte Einheit ist um 22 Uhr. Der Vorteil dieser Methode ist neben dem Ausdauereffekt auch eine Belastung des Körpers über eine längere Zeit zu trainieren. Ich habe das schon öfters gemacht, aber in diesem Jahr habe ich es nicht geschafft.

Ich fordere mich gerne selbst heraus und mache auch gerne Laufchallenges. Der DBU ist eine davon und diese spezifische Trainingseinheit ist eine weitere Herausforderung.

Parkrun-Freunde haben mich angefeuert

Wie fandest du die Stimmung beim DBU?

Die Stimmung beim DBU war super. Es standen viele Leute im Start- und Zielbereich, die die Läufer angefeuert und auf die Strecke geschickt haben. Jeder Teilnehmer, der ins Ziel lief, wurde begrüßt. Es war super, dass den ganzen Tag über Leute da waren. Vor allem auch das Helferteam, das von morgens bis abends im Zielbereich war. Auch Freunde von Parkrun sind nach ihrem Lauf im Laufe des Tages wieder zurückgekommen und haben die Läufer angefeuert oder sich mit ihnen nett unterhalten. Das war richtig toll.

Auch unterwegs auf der Strecke war die Stimmung super. Beim Ultralaufen laufe ich in einer Geschwindigkeit, bei der ich mich locker unterhalten kann. Deshalb konnte ich auch auf der Strecke gute Gespräche führen. Das war schön und kurzweilig für mich.

Wie ist der DBU für dich verlaufen?

Ich bin ziemlich konstant gelaufen. Morgens war ich fit und voller Energie. Dadurch, dass ich in jeder Pause die Möglichkeit hatte, etwas zu essen und zu trinken, hielt sich diese Fitness sehr lange. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich die Runden nicht mehr so gut unterscheiden kann. Ich bin sie in einem konstanten Tempo gelaufen. Deshalb konnte ich das Anstrengungslevel lange halten. Meine Fitness hat sich über den Großteil des Tages nicht merklich verändert. In den letzten drei Runden spürte ich aber die Anstrengung. Am Ende war ich froh, dass es die letzte Runde war. Ich konnte sie noch durchlaufen, aber danach wäre es richtig anstrengend geworden. Laut meiner Uhr bin ich an dem Tag 89 Kilometer gelaufen.

Wie ging es dir an dem Tag danach?

Ich war ziemlich erschöpft. Aber es war ja nicht meine erste Teilnahme. Einmal bin ich sogar über 100 Kilometer gelaufen. Danach waren die Beine richtig erschöpft. Diesmal war das auch der Fall, aber nicht ganz so extrem. Ich bin ein Tempo gelaufen, das ich sehr lange durchhalten konnte. Dadurch hielten sich die muskulären Schäden im Rahmen. Aber ich hatte natürlich trotzdem Muskelkater. Es war auch nicht so, dass ich gleich hätte wieder einen Halbmarathon laufen können. Ich habe nach dem DBU einige Tage Pause gemacht.

Wie hast du dich während des DBUs verpflegt?

Ich hatte einen großen Rucksack mit Essen dabei. Ich hatte alles Mögliche drin: Obst, Riegel, Gels und Backwaren. Eine selbst gekochte Nudelpfanne mit Gemüse hatte ich in einer Plastikschüssel dabei. Ab der dritten Runde habe ich in jeder Pause etwas gegessen und dadurch Energie aufgenommen. Da mein Tempo nicht so hoch war, hatte ich auch keine Probleme mit der Verdauung.

Ich sehe den DBU als Herausforderung für mich selbst

War es für dich ungewöhnlich, dass du alle Männer besiegt hast?

Da es beim DBU auf Ausdauer und nicht auf Geschwindigkeit ankommt, kann das natürlich vorkommen. Es waren 13 Runden à 6,8 Kilometer. Das ist für einen Backyard Ultra ja noch nicht allzu viel. Das liegt in einem Bereich, in dem ich als Frau mit den Männern mithalten kann. Es sind auch nicht alle bis an die letzte Grenze gelaufen. Manche wollten auch nicht unbedingt gewinnen, sondern haben den DBU als Training für eine andere Veranstaltung betrachtet und haben sich nicht total verausgabt.

Mir geht es auch nicht darum, mich mit anderen zu vergleichen. Ich sehe es als Herausforderung für mich selbst und möchte meinen eigenen Körper austesten. Ich möchte wissen, wie lange ich laufen kann. Das ist unabhängig davon, was die anderen um mich herum machen.

Es war ja dein zweiter DBU-Sieg. Was war der Unterschied zu deinem ersten Erfolg?

Ich hatte damals ja den ersten DBU gewonnen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Vorher war ich nie mehr als einen Marathon gelaufen, der mich schon an meine Grenze gebracht hatte. Durch die Pausen und die Verpflegung zwischendurch hatte ich damit gerechnet, eine Runde mehr als die Marathondistanz zu schaffen. Es hat aber noch viel weiter gereicht. Ich bin damals 16 Runden à 6 Kilometer gelaufen, also insgesamt 96 Kilometer. Ich hatte damit gerechnet, dass ich eine Runde nach der Marathondistanz aussteigen würde und mich erholen könnte.

Ich hatte Walkingstöcke dabei, um noch eine Runde zu walken, wenn die Energie zum Laufen nicht mehr reicht. Eine Stirnlampe hatte ich mitgenommen, weil ich nach einer längeren Erholungspause den letzten Teilnehmer bei seiner Abschlussrunde begleiten wollte. Es war dann aber so, dass ich die Lampe für meine eigene, letzte Runde gebraucht habe. Das alles war eine sehr tiefgründige und krasse Erfahrung für mich gewesen, die ich so nicht erwartet hätte. Bei einem Marathon hatte ich seinerzeit immer nur eine minimale Verpflegungsaufnahme. Das waren hauptsächlich Getränke und vielleicht noch ein Gel dazu. Beim DBU habe ich nach fast jeder Runde gegessen. Das hatte diesen wahnsinnigen Effekt, dass ich sehr lange laufen konnte.

In diesem Jahr hatte ich diese Erfahrung schon. Es war ja schon mein fünfter DBU. Ich wusste also, was auf mich zukommt. Ich wusste, dass ich viel weiter als in einem normalen Training laufen würde. Diese Erfahrung konnte ich sehr gut nutzen.

Corina bei ihrem Zieleinlauf in der letzten DBU-Runde

Was war die weiteste Strecke, die du bisher gelaufen bist?

Das waren 102 Kilometer. Das war 2022, bei meinem dritten DBU. Da wurde ich Zweite. Ein anderer Ultraläufer wollte als Training für seinen nächsten Wettkampf 100 Kilometer laufen. Am Schluss waren wir beide die letzten Teilnehmer. Beim DBU ist es ja so, dass der letzte Läufer noch eine Runde alleine laufen muss. Damit der Wettkampf weitergeht, muss vorher immer noch eine weitere Person dabei sein. Ich war an diesem Tag seine letzte Konkurrentin. Es hat sich ergeben, dass er mich so weit gezogen hat, dass ich die 100 Kilometer knacken konnte. Das war natürlich nicht so geplant gewesen.

Ich gehe an jeden DBU so ran, dass ich von Runde zu Runde entscheide, ob ich noch eine weitere laufe. Es sind ja 6,8 Kilometer, also eine überschaubare Strecke. Ich kann mich am Start fragen, ob es möglich ist, die nächste Runde zurückzulegen.

Für eine Runde habe ich im Schnitt 45 Minuten gebraucht. Das war ein gutes Wohlfühltempo für mich. Danach hatte ich 15 Minuten Pause. Das reichte, um etwas zu essen, zu trinken, zur Toilette zu gehen und mich zu dehnen. Danach musste ich natürlich wieder rechtzeitig am Start stehen.

Was hast du beim DBU gewonnen?

Es gab einen Wanderpokal, der zurzeit bei mir im Wohnzimmer steht.

Hast du auch an anderen Ultras teilgenommen?

Ich bin zweimal beim Rodgau-Ultra die 50 Kilometer gelaufen. In diesem Jahr bin ich im Januar meine Bestzeit gelaufen. Das waren 4:44 Stunden. Das hat für den dritten Platz in meiner Altersklasse gereicht. Beim Rodgau Ultra ist das Konzept so ähnlich wie beim DBU. Es gibt eine 5 Kilometer lange Runde, die ich zehnmal laufen muss. Diese Rundenläufe liegen mir sehr gut, weil ich genau weiß, welche Belastung mir bevorsteht. Ich war nie mehr als zwei bis drei Kilometer vom Start entfernt. Ich wusste also, falls ich zwischendurch ein Energiedefizit hätte, wäre ich wieder schnell zurück.

Bei einem Landschafts-Ultralauf könnte es mir dagegen passieren, dass ich nach einem Sturz weit weg von Start und Ziel bin. Davor habe ich ziemlichen Respekt, weil ich mich auch nicht auf Ultras spezialisiert habe. Es ist für mich eine große Herausforderung jenseits der Marathondistanz zu laufen.

Ich sitze zusammen mit der Ultraläuferin in einem Café an einem Tisch. Corina sitzt auf der linken Seite. Sie trägt eine Brille und ein grünes Shirt. Ich sitze auf der rechten Seite und trage ein orangefarbiges Parkrun-Shirt.
Ich interviewe die Ultraläuferin Corina Knipper

Du bist auch als Blindenguide aktiv. Wie kam es dazu?

Ich habe beim Parkrun in Neckarau einen blinden Läufer kennengelernt. Es macht mir sehr viel Spaß, mit ihm zu laufen. Ich habe auch mit weiteren sehbeeinträchtigten Menschen Kontakt aufgenommen und begleite sie bei Läufen.

Welche Aufgabe hast du bei Parkrun übernommen?

Ich bin Parkrun-Botschafterin. Ich arbeite für den Newsletter und den Blog. Dort erscheinen jede Woche Artikel über den deutschen und den internationalen Parkrun. Einige werden übersetzt, andere schreiben wir selbst. Ich bin hauptsächlich für den Abschnitt „Feedback von der Strecke“ verantwortlich. Dafür finde ich Inhalte oder übersetze Vorschläge von der Parkrun-Direktion.

Wie viele Kilometer läufst du pro Jahr?

Die größte Distanz in einem Jahr lag bei über 3.000 Kilometer. Es kommt auch darauf an, ob ich verletzungsbedingte Unterbrechungen hatte oder nicht. Normalerweise sind es zwischen 2.000 und 3.000 Kilometer pro Jahr.

Was sind deine Bestzeiten?

In Karlsruhe bin ich mal den Parkrun in 22:37 Minuten gelaufen. In Hockenheim habe ich für die 10 Kilometer um die 45 Minuten gebraucht. Den Bienwald-Halbmarathon bin ich in 1:40:42 h gelaufen. Meine Bestzeit beim Marathon liegt bei 3:42 h.

Mir geht es aber nicht so sehr um Bestzeiten. Mir geht es eher darum, im Rahmen meiner Fitness Läufe zu haben, die sich gut anfühlen.

Was kannst du allen sagen, die auch gerne mal bei einem Backyard Ultra mitmachen möchten?

Ein Backyard Ultra ist eine super Veranstaltung. Er ermöglicht es allen laufbegeisterten Menschen, sich auszuprobieren. Es kann jeder die Erfahrung sammeln, wie man an die Grenzen des eigenen Körpers gehen und diese auch verschieben kann.

Auch von der Gemeinschaft her ist es eine tolle Veranstaltung, deshalb nochmal herzlichen Dank an die Menschen vom Neckarau Parkrun, die das alles organisiert haben. Dies gilt auch für diejenigen, die über viele Stunden im Start- und Zielbereich die Läufer unterstützen und anfeuern. Sie ermöglichen es mir und anderen, an die Grenzen des Machbaren zu gehen. Ein Backyard Ultra ist eine tolle Möglichkeit diese zu erforschen und auszutesten.

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Erik betreibt dieses Laufblog und ist ein begeisterter Läufer. Er trainiert vier- bis fünfmal die Woche, startet bei Lauf-Wettkämpfen und bei Parkruns. Wenn du ihn triffst und er läuft gerade nicht, dann handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Verwechslung 😉

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